Karfreitag und Ostern: Wir brauchen die „Solidarität der Erschütterten“

Nachricht 03. April 2021

Die Bevollmächtigten OLKR Kerstin Gäfgen-Track und OLKR Andrea Radtke schreiben zu Karfreitag und Ostern:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Niemand von uns hat es vermutlich im vergangenen Jahr erwartet: wieder eine Karwoche und ein Osterfest im Lockdown. Von Advent bis Ostern Lockdown mit Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, Tests und Impfen. Die Bedingungen verändern sich in Abhängigkeit von den Treffen der Bundesregierung mit den Ministerpräsident*innen. In der vergangenen Woche mussten wir erleben, wie schwierig es ist, wirkungsvolle Maßnahmen politisch zu finden und wo die Politik mit Maßnahmen an ihre Grenzen stößt. In einer schwierigen Situation, in der die Kirchen unter Druck waren, haben die katholischen und evangelischen Bischöfe in Niedersachsen sehr schnell eine klare Stellungnahme im Hinblick auf die Ostergottesdienste und ihre existentielle Bedeutung für die Menschen veröffentlicht.

Von einer neuen Normalität sind wir global und auch in Niedersachsen weit entfernt. Etwas zu planen, ist weiter schwierig. So braucht es Kreativität und Energie, die Osterfeiertage zu gestalten. Als Kirchen sind wir dankbar, dass wir Gottesdienste halten können, was in der Karwoche und über die Osterfeiertage für uns elementar ist. Aber die Gottesdienste sind andere als zuvor; auf vieles, was traditionell dazu gehört, müssen wir verzichten, von der Matthäus-Passion am Karfreitag bis zum Osterfrühstück im Gemeindehaus. Wir leben in einer offenen Situation. Niemand kann genau sagen, wie es weiter gehen wird in Gesellschaft und Kirche. Weiter so, ist vorbei. Weiter anders, kommt ständig auf uns zu.

Viele haben lange und gerne geglaubt, dass das Leben machbar und planbar sei: Versicherungen gegen Risiken, technischer und medizinischer Fortschritt, Altersvorsorge und eine rechtsstaatlich verankerte Demokratie. All das wurde schon vor Corona nicht nur im eigenen Leben, sondern auch gesellschaftlich immer wieder erschüttert: Krankheiten, Sterben, Scheitern, Populismus, Antisemitismus, Finanzkrise oder Klimakrise. Doch viele wollen möglichst rasch die jeweilige Krise und Unwägbarkeit überwinden, zurück zu Sicherheit und Erwartbarkeit. Die Pandemie, die uns immer noch im Griff hat und unseren Alltag prägt, erschüttert uns zutiefst, weil wir diese Krisenerfahrungen nicht abschütteln können und schnell wieder alles normal wird. Diejenigen die über Ostern nach Mallorca fliegen, können dem Virus nicht entfliehen: es gibt keine Insel der Seligen.

Wir müssen lernen, mit den unterschiedlichen Erschütterungen im persönlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Leben umzugehen. Es wird sie immer wieder geben. Dafür brauchen wir die „Solidarität der Erschütterten“, so der Theologe und Religionssoziologe Tomáš Halík.

Die Karwoche und das Osterfest greifen die Themen Solidarität, Leiden und Tod, Leben und Hoffnung auf. In der Nacht, da er verraten ward, suchte Jesus die Solidarität seiner Jünger und fand sie nicht. Unter dem Kreuz aber standen Frauen und sein Lieblingsjünger zu ihm. Verhaftung, Folter und Tod haben den Glauben an Jesus als den Messias vieler erschüttert. Mehr noch: der Tod hat Gott selbst erschüttert und seine Göttlichkeit radikal infrage gestellt. Dann die unerwartbare Erfahrung der Jünger*innen, Jesus lebt, welche Hoffnung auf Leben. Christen leben mit dem Tod und zugleich mit der Hoffnung auf Leben, das stärker ist als der Tod. Karfreitag und Ostern sind Erfahrungen tiefgreifender Erschütterungen und zeigen Wege auf, Erschütterungen auszuhalten und zu überwinden.

Die „Solidarität der Erschütterten“ von damals bis heute kann in Krisen und Leiden tragen, weil sie gemeinsames Denken und Handeln möglich macht. Christ*innen vertrauen dabei auf die Hoffnung von Ostern. Veränderung ist möglich. Der Tod ist nicht das Ende.

Wir wünschen Ihnen eine gesegnete Karwoche und ein hoffnungsvolles Osterfest

Ihre

Kerstin Gäfgen-Track und Andrea Radtke
Die Bevollmächtigten Kerstin Gäfgen-Track und Andrea Radtke

Szene auf dem Isenheimer Altar