Reformationstag 2019 - Wahrheit

Nachricht 30. Oktober 2019
Bevollmächtigte OLKR Dr. Kerstin Gäfgen-Track und OLKR Andrea Radtke; Fotos: J. Schulze, St. Heinze.

Die Bevollmächtigten OLKR Kerstin Gäfgen-Track und OLKR Andrea Radtke schreiben im Newsletter der Konföderation ev. Kirchen in Nds., Oktober 2019:

Kurze, kleine Begegnungen am Rande bleiben oft lange im Gedächtnis haften. In der vergangenen Woche fragte die Direktorin eines niedersächsischen Gymnasiums danach, was mit Schule und Gesellschaft passiere, wenn weniger Menschen Christen seien. Die schnelle und zu einfache Antwort: das wird Schule und Gesellschaft verändern. Es könnte aber sein, dass die Veränderungen andere, als die gemeinhin erwarteten, sind. Denn auch eine kleiner werdende Zahl von Christinnen und Christen kann einen entscheidenden gesellschaftlichen Beitrag leisten, wie die Erfahrungen im Zusammenhang der Wende von 1989 zeigen. Die Wende wäre nicht denkbar gewesen, wenn nicht viele Kirchen ihre Türen geöffnet, einen neuen Dialog ermöglicht und für eine friedliche Revolution so sehr gebetet hätten. Es kommt nicht auf die Zahl der Christen an, sondern auf den Geist Gottes, aus dem heraus sie handeln. Trotzdem ist es immer Ziel von Kirche, ihre Botschaft von Gott, der in Jesus Christus Mensch wurde, so überzeugend weiterzugeben, dass Menschen an diesen Gott glauben.

Vor dem 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht ebenso wie des Mauerfalls, feiern wir am 31. Oktober den Reformationstag, der zum dritten Mal gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen ist. Es ist gelungen zu zeigen, wie stark der Einfluss der Reformation nicht nur auf die Gestalt von Kirche, sondern ebenso für die Geistesgeschichte unseres Landes und für das kulturelle und religiöse Gedächtnis unserer Gesellschaft ist. Auch im 16. Jahrhundert waren es zunächst sehr wenige, die neu zu denken anfingen. Die späteren Reformatoren haben intensiv danach gefragt, was in der Bibel steht. Dafür haben sie diese neu übersetzt und erforscht. Sie haben zugleich die antiken philosophischen Schriften wiederentdeckt, neu gelesen und in Beziehung zur Bibel gesetzt. Sie haben es noch ganz vorsichtig gewagt zu fragen, ob alles, was in der Bibel steht, in einem historischen Sinne wahr ist und ob die traditionelle Auslegung der Bibel der Wahrheit, für die Gott selbst steht, nahekommt. Nicht zuletzt haben sie einen neuen Blick auf Kirche und Gesellschaft geworfen. Diese wissenschaftlichen und kirchlichen Impulse waren so stark, dass sie nicht nur in Deutschland, sondern weltweit auch gesellschaftlich prägend sind. Dass die Reformatoren sich geirrt haben, schwere Fehler gemacht haben, daran muss ebenfalls erinnert werden, nicht zuletzt an den Antisemitismus Martin Luthers. 

Die Wahrheit über die Reformation ist vielschichtig und ihre Spuren bis ins eigene Leben hinein zu entdecken, ist spannend. Spuren der Reformation im eigenen Leben können sein: das unbeirrbare Fragen nach Wahrheit, das Engagement für die freiheitlich demokratisch Grundordnung, die Hochschätzung des Berufs und der mit ihm verbundenen Ethik, der alljährliche Besuch der Aufführung des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach oder eben eines Gottesdienstes z.B. am Reformationstag. Der Reformationstag als Feiertag gibt die Möglichkeit, seinem eigenen Leben auf die Spur zu kommen. Nachdenken, gerade auch gemeinsam mit anderen, was das eigene Leben trägt, was im Leben wirklich wichtig ist und wie ich selbst und gemeinsam mit anderen zukünftig leben will angesichts der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Die evangelischen Kirchen in Niedersachsen laden alle Bürgerinnen und Bürger ein, am 31. Oktober „Die Reformation neu (zu) feiern: Wahrheit.“ Wir stehen ein für die Wahrheit Gottes, der seinen Regenbogen über die Erde gesetzt hat zum Zeichen der bleibenden Verbindung von Gott und Mensch, damit diese Erde und alles, was lebt, bewahrt werden.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Reformationstag,

Ihre Kerstin Gäfgen-Track und Andrea Radtke